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Der Bewusstseinszustand des Schamanen

Manche denken bei Schamanen an wilde, Furcht erregende Urmenschen. Doch dieses Bild trügt. Es repräsentiert den Schamanen, wie er sich in alten Zeiten in Stammeskulturen zeigte. Schamanismus ist nur sehr begrenzt äußerlich. Entscheidend für den Schamanen sind der erweiterte schamanische Bewusstseinszustand (SBZ) und seine Fähigkeit, als „Meister der Geister“ und „Mentor der Seele“ die schamanische Reise erfolgreich und heilsam durchzuführen. Diesen Bewusstseinszustand erlangt der Schamane oder die Schamanin, in dem er oder sie die Grenzen des Körper überschreitet.

Schamanen sind Menschen, die sich erhitzen. Die durch Ekstase über die Grenzen des Physischen hinausgehen. Bereit zur totalen Erschöpfung, bereit für den schamanischen Ich-Tod sucht der Schamane die Welt jenseits des Körpers, jenseits der Dinge, Interpretationen und Konzepte.

Mit Hilfe der anhaltend geschlagenen Trommel verlässt er die allgemein übliche Wahrnehmungsebene. Er ver-rückt sich und seinen Bewusstseinszustand heraus aus der Konvention der alltäglichen Wirklichkeit. Der Schamane überschreitet nicht nur seine körperlichen Grenzen, er befreit sich in diesem schamanischen Bewusstseinszustand von allen Konventionen, Moralvorstellungen, Glaubensbekenntnissen und Vorannahmen. Er befreit sich von jeder Vorstellung. Er dringt unschuldig, offen und wahrhaftig ein in die Geistwelt mit ihren Geistkräften, die wir „Spirits“ nennen. Schamanen erarbeiteten sich ein Gespür, einen Sinn, eine Art Antennen für die Geistkräfte hinter der gegenständlichen Erscheinung. Dabei verfügen sie über Ekstase- und Geistestechniken, die einen tieferen Einblick in die meist verborgenen geistigen Aspekte der Wirklichkeit öffnen.

 

In steter und selbstloser Prüfung ringt der Schamane um die Differenzierung von innerlich wirkenden Kräften wie Imagination, Halluzination, Projektion, Wunschdenken und sich-selbst-erfüllenden Prophezeiungen im Gegensatz zu außerhalb des Schamanen wirkenden beseelten, kraftvollen Seelen- und Geistkräften. Er ringt um die Seele des Kranken, um spirituelles Wissen in spirituellen Welten, um für sich selbst, andere, die Gemeinschaft und den Planeten Wissen, Kraft, Gesundheit und Weisheit zu finden. Dabei ist ganz wesentlich: Der Schamane behält sein eigene Identität und Willenskraft auch in diesen Welten. Er wechselt nicht in andere Wesenheiten über. Auch während er sich in diese Grenzbereiche menschlichen Bewusstseins begibt, weiß er, wer er ist - was er will, was seine Aufgabe, was zu tun ist.

 

Wer sich auf den schamanischen Weg machen will, braucht ein alltagstaugliches Wachbewusstsein. Er muss sich in dieses konkrete Leben genauso einlassen und es meistern, wie er es in der anderen, der geistigen Wirklichkeit zu tun hat. Schamanen streben nicht nach Meinungen, sondern suchen echte Kraft und echtes Wissen, das wir gerne als Weisheit und Medizinkraft bezeichnen. Authentische Schamanen überschreiten von jeher die Tradition und sind gleichzeitig in ihr geborgen. Sie sind die Urahnen aller Bewusstseinsforscher und Naturwissenschaftler. Sie sind die Mystiker der Erde, für sie steht die spirituelle Weltsicht über Konfessionen und kulturellen Werten. Schamanismus findet in Geistesgegenwart statt. Das meint: Die Wachheit des eigenen Geistes - ein offenes Bewusstsein für uns umgebende Geister in allen Formen, seien es Naturgeister, Geisteshaltungen, Geistesnöte oder Zeitgeist.

 

So gesehen sind Schamanen ganzheitliche Experten in den Bereichen Leibsorge, Seelsorge und Geistsorge. Ihre Fähigkeit, Heilung und Wissen zu erlangen kommt aus dem wirkungsvollen und erfüllenden Zusammenspiel von Bewusstseinstiefe und Lebenskraft, die eingebunden ist in Lebensfreude und in eine hinreichend abgeklärte Lebensaufgabe.


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